Formbewusstsein: Unseren Alltag neu denken und gestalten.

Joseph Beuys kritisierte, dass Künstler und Nicht-Künstler in unserer Gesellschaft strikt getrennt seien. Seine Vorstellung von Kunst, Leben und Arbeiten hat mit der Ablehnung dieser elitären Trennung zu tun: „Jeder Mensch vollzieht permanent materielle Prozesse. Er stellt immerfort Zusammenhänge her.“ Er formt sein Tun und seinen Alltag – häufig ohne darüber nachzudenken.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“

Sein Kunstverständnis prägte nicht nur eine ganze Generation – es spielt auch eine wichtige Rolle im aktuellen Buch „Formbewusstsein“ von Frank Berzbach, mit dem er dazu motivieren möchte, Kunst und Alltag gemeinsam zu denken und zu praktizieren.
Ein gutes Leben setzt heute voraus, dass auch unser Verhältnis zu den Dingen neu geschrieben werden muss. Ein wichtiger Puzzlestein für das Gesamtbild, das er hier entwirft, ist auch die Publikation des Kunsthistoriker Hanno Rauterberg „Die Kunst und das gute Leben“, in dem Ästhetik und Ethik verbunden werden: „Kein Künstler tritt an, um die Welt so zu belassen, wie sie ist. Auch wenn er sich nicht anmaßen möchte, sie tatsächlich verändern zu können, will er doch gestaltend auf sie einwirken.“

Jeder von uns kann ein Lebenskünstler sein

Copyright: Verlag Hermann Schmidt

Berzbach zeigt, wie wichtig es ist, dass wir – um Bildsinn und Geschmack zu entwickeln – (wieder) Wissen sammeln und handwerkliche Fähigkeiten erlernen müssen. Jeder von uns kann ein Lebenskünstler sein, wenn er sich seiner selbst bewusst wird und seine Aufmerksamkeit auch jenen Dingen des Alltags widmet, die häufig übersehen werden. In seinem Buch werden sie vernetzt und in einen größeren Kontext geordnet, denn: „Nichts ist unverbunden.“
Das Buch ist zugleich ein inhaltlicher, typografischer und haptischer Genuss – ein Kunstwerk aus Papier, Stoff und nachhaltiger Produktion, das im Digitalisierungszeitalter einmal mehr beweist, dass wir auf gut gemachte Bücher nicht verzichten können. Es ist heute schon schon etwas sehr Besonderes, wenn der Verlag am Ende vermerkt: „Wir übernehmen Verantwortung. Nicht nur für Inhalt und Gestaltung, sondern auch für die Herstellung.“ Das Papier für dieses Buch stammt aus sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig bewirtschafteten Wäldern.

Der Rhythmus, der sich an der Lehre des Autors orientierte

Durch die Auseinandersetzung mit Frank Berzbachs Texten wurde der Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs bewusst, wie oft wir Alltägliches abfällig behandeln. Während der zweijährigen Entstehungszeit des Buches veränderten sich auch ihre Routinen. So begannen beide beispielsweise, sich wieder Briefe zu schreiben. Der Rhythmus, der sich an der Lehre des Autors orientierte, gab dem Projekt Halt.

Dr. Frabnk Berzbach (© Bjørn Fehl Photography)

Dr. Frank Berzbach, Jahrgang 1971, unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln. Er hat als Wissenschaftler, Journalist, Fahrradkurier, Technischer Zeichner, in der Psychiatrie und als Buchhändler gearbeitet. Seit vielen Jahren ist er Zen-Praktizierender, bleibt aber katholisch. Er arbeitet zu Fragen achtsamkeitsbasierter Psychologie, Arbeitspsychologie, Kreativität, Spiritualität, Mode, Popmusik und Popkultur.

Gebildete Menschen geben auch ihrem Kaufverhalten eine kultivierte Form

In seinem aktuellen Buchprojekt weist er nach: Wenn unser Verhältnis zu den Dingen vom unbedachten Konsum bestimmt (formlos) ist, ist dies mit einer seelischen Verkümmerung verbunden. Im Gegensatz dazu können nachhaltiger Konsum und gesunde Arbeitsformen das Glück steigern. Gebildete Menschen geben auch ihrem Kaufverhalten eine kultivierte Form, so Berzbach.



Viele Produktdesigner und Künstler verhelfen Alltagsgegenständen heute zu neuen Formen, indem sie mit Materialien wie Filz, Holz, Glas, Aluminium oder Marmor arbeiten. Dabei muss dem Anwenden das Verstehen vorausgehen und die Verarbeitung bekannt sein. Auch sie geben den Dingen des Alltags ihre Würde zurück.

Selbstständig einen Zugang in den künstlerischen Schaffensprozess

Foto und Copyright: Oksana Siegmund–Bergen

Zu ihnen gehört auch Oksana Siegmund–Bergen, Jahrgang 1979, die in Kedrowij Schor (Russland) geboren wurde und zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit gehört. Mit 14 Jahren siedelte sie mit ihrer Familie nach Deutschland und ist seit dem im Paderborner Land heimisch. Als Autodidaktin experimentierte, gestaltete und kreierte sie Arbeiten als Ventil ihrer Emotionen und fand selbstständig einen Zugang in den künstlerischen Schaffensprozess. „Als Kind und Jugendliche wollte ich die Welt verbessern und die Gesellschaft verändern. Die Rebellion gegen alles Gesellschaftliche brachte aber nichts. Und so habe ich die Kunst als Stimme erkannt und zu meiner eigenen Stimme kreiert.“
Sie arbeitet fast ausschließlich mit verschiedenen recycelten Materialien wie Papier, alten Stoffen, Milchkartons oder Plastik. Müll muss kein Müll bleiben, sondern kann auch etwas Nützliches sein. „Diese Gegenstände erzählen bereits ihre eigene Geschichte. Der Kreislauf schließt sich, und unser Abfall bekommt somit eine neue Chance und ein neues Leben als Kunstwerk.“ Ihr Objekt „Kapitalismus“ versteht sie nicht als Kritik an einem Wirtschaftssystem, sondern als Kulturwandel: „Die Menschen wurden die letzten Jahrzehnte vom Konsum getrieben, immer mehr, immer billiger! Immer mehr Arbeit, sonst wird man abgehängt. Aber jetzt hat ein Umdenken eingesetzt! Menschen achten vermehrt auf Qualität, prüfen Herkunft, Zutaten, Anbau und erkundigen sich nach nachhaltigen Prüfsiegeln.“ Dieser Wandel soll mit ihrem Kunstobjekt eingefangen werden.

Die Erinnerung an diese Ereignisse sind Bilder

Joseph-Beuys-Poster für eine Vortragstournee durch die USA: Energy Plan for the Western Man, 1974

Viele Ansätze gehen auf Joseph Beuys (1921-1986) zurück, der meistens mit Filzhut und Anglerweste auftrat. Der Legende zufolge stürzte er während eines Einsatzes als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg über der Krim ab. Der Künstler verbreitete später eine Version seiner Rettung, nach der es einheimische Tartaren waren, die ihn aufnahmen, mit Talg salbten, in Filz einhüllten und auf einem Schlitten transportierten. Zwölf Tage habe er bei ihnen und ihren schamanischen Riten verbracht: „Die Erinnerung an diese Ereignisse sind Bilder, die sich mir tief eingeprägt haben. Ich erinnere mich an den Filz, aus dem ihre Zelte gemacht waren, an den scharfen Geruch von Käse, Fett und Milch. Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält.
Filz und Fett, die er zu Boten einer besseren Weltordnung erklärte, waren später neben Wachs und Kupfer seine zentralen Materialien. Den Filz dafür bestellte er seit den 1960-er Jahren in Giengen, wo 1880 aus Wollfilz in Zusammenarbeit mit Margarete Steiff das erste weichgestopfte Spieltier der Welt (das „Elefäntle“) geschaffen wurde und bis heute industriell gefertigte Filze aus Chemiefasern (Nadelfiz) hergestellt werden.

Es handelt es sich um ein unabhängiges Prüf und Zertifizierungssystem

Durch den DIY-Boom der vergangenen Jahre erlebt Filz gerade eine Renaissance – Taschen, Handyhüllen, Schals, Jacken, Hüte und Hausschuhe aus rein natürlichen Materialien wie Wollfilz werden gern gekauft. Bei Ökoanbietern finden sich auch Löschfilze für Tafelwischer und Whiteboards, Wickeletuis und Federmäppchen aus Filz, die nach dem OEKO-Tex Standard 100 geprüft wurden. Dabei handelt es sich um ein unabhängiges Prüf und Zertifizierungssystem für textile Produkte. Roh-, Zwischen- und Endprodukte werden auf allen Ebenen der Verarbeitung betrachtet. „Bei der Schadstoffprüfung wird untersucht, ob gesetzlich verbotene, gesetzlich reglementierte oder gesundheitsschädliche Substanzen verwendet wurden.


Echter Wollfilz wird seit Jahrtausenden aus reiner Schafwolle hergestellt

Ebenfalls im Blickpunkt sind Parameter der Gesundheitsvorsorge. Gemessen wird immer an der Intensität des Hautkontakts. Je intensiver dieser ausfällt, desto strenger sind die Anforderungen. Ein Produkt wird nur zertifiziert, wenn alle Bestandteile den Anforderungen entsprechen.“ (Quelle: memolife) Echter Wollfilz wird seit Jahrtausenden aus reiner Schafwolle hergestellt: Die gereinigte, gekämmte, zum Vlies aufbereitete und mit natürlichen Rohstoffen gefärbte Rohwolle wird mechanisch gewalkt. Die kleinen Plättchen auf der schuppenartigen Oberfläche der Schafhaare verhaken sich dabei zu einem unauflöslichen Verbund.
Das (Trend-)Material ist umweltfreundlich, klimatisierend, dämmend, dämpfend, isolierend, wasser- und schmutzabweisend, elastisch, widerstandsfähig und biologisch abbaubar. Durch seine natürliche Struktur ist er extrem haltbar – ganz ohne chemische Beimischungen oder Klebstoffe.

Keratin der Schafwolle hilft beim Abbau von Formaldehyd aus der Luft

Wollfilz aus Schafwolle baut sogar Schadstoffe ab: Das Keratin der Schafwolle hilft beim Abbau von Formaldehyd aus der Luft. Komplette Sanierungen etwa von belasteten Kindergärten wurden mit Hilfe von Schafwolle und echtem Wollfilz durchgeführt. Am Beispiel des Materials Filz zeigt sich in besonderer Weise, dass die Dinge, mit denen wir uns umgeben, unsere Möglichkeiten stärken, einsichtig und nachhaltig zu handeln, „gesund zu bleiben und unsere Intelligenz zu trainieren“ (Wolfgang Schmidbauer).
Quellen und weiterführende Literatur:
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Copyright Steffi Henn
Copyright Steffi Henn

Autorin und Interviewpartnerin Dr. Alexandra Hildebrandt ist Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie von 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs „CSR-Manager (IHK)“. Alexandra Hildebrandt ist Sachbuchautorin, Hochschuldozentin, Herausgeberin und Mitinitiatorin der Initiative www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post zu Nachhaltigkeitsthemen und ist Co-Publisherin der Zeitschrift „REVUE. Magazine for the Next Society”.


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